„Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben“ - Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen

Wir leben in einer Zeit der globalen Krisen, die immer mehr die Zukunft des Lebens auf unserem Planeten in Frage stellen. Die Herausforderungen, vor denen die Weltgemeinschaft steht, sind riesig. Angesichts der Tatsache, dass immer noch über 800 Millionen Menschen von Hunger bedroht sind und jeden Tag über 20.000 Menschen an Hunger sterben, ist die Weltgemeinschaft von der Befriedigung der Grundbedürfnisse aller Menschen noch weit entfernt. Der Klimawandel schreitet voran und verschärft die Kluft zwischen Armen und Reichen, denn seine Folgen treffen die am stärksten, die am wenigsten dazu beigetragen haben und sich auch am wenigsten schützen können. Gegenwärtige und zukünftige Ressourcenknappheiten führen zur Zunahme von gewaltsamen Konflikten. Angesichts der Überschreitung der sogenannten planetarischen Grenzen in vielen Bereichen mit all ihren Folgen – insbesondere durch den menschengemachten Klimawandel – sind Mensch und Natur in allen Erdteilen mittel- und langfristig betroffen. Das Überleben der Menschheit und auch der Fortbestand der nichtmenschlichen Natur, wie wir sie heute kennen, ist in Gefahr.

Dieser Befund fordert nicht nur die Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft heraus. Auch für die Evangelische Kirche in Deutschland ist diese globale Situation eine ­Herausforderung. Wir sehen die Natur als Schöpfung Gottes, deswegen kann uns nicht unberührt lassen, was sie zerstört. Den Menschen sehen wir als Ebenbild Gottes und deshalb mit einer unverletzlichen Würde ausgestattet. Deswegen können wir die Verletzung der Grundbedürfnisse vieler Menschen niemals hinnehmen.

Für die Kirchen ist die Frage nach einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Entwicklung keineswegs neu. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat bereits 1975 den Weckruf des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums aufgenommen und auf seiner Vollversammlung in Nairobi eine „just participatory and sustainable society“ gefordert.[1] Damit waren die Kirchen im ÖRK die Ersten, die den Begriff der Nachhaltigkeit im 20. Jahrhundert auf die globale Agenda gesetzt haben. Während die UN den Begriff der Nachhaltigkeit mit dem Brundtland-Bericht 1987 und der Rio-Konferenz 1992 als Leitbegriff für eine ökologische, sozialverträgliche und zukunftsfähige Entwicklung etablierte und ihn mit dem Beschluss der Nachhaltigkeitsziele 2015 zu einer neuen zentralen und für alle Staaten verbindlichen Orientierungsgröße erhob, haben die Kirchen im ÖRK aus innerkirchlichen theologischen Gründen den Nachhaltigkeitsbegriff durch die Wendung „Konziliarer Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ ersetzt...

Als Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche begrüße ich diese Agenda ausdrücklich, obgleich ich auch ihre Widersprüche und Zielkonflikte sehe. Ich unterstütze das Engagement der Bundesregierung zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele und erwarte, dass ihr Engagement darin noch konsequenter und kohärenter wird. Bei der Umsetzung der Ziele wollen wir als Evangelische Kirche in Deutschland die deutsche Politik kritisch-konstruktiv begleiten. Der vorliegende Text bietet eine gute Grundlage und zahlreiche Anregungen dafür...

Ausschnitt aus dem Vorwort von Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland

Link zum EKD-Text 130