Wachstum neu denken

Warum die Kirche Geiz gar nicht geil findet
Die Evangelische Landeskirche wirbt für Genügsamkeit
„Wachstum neu denken“: So lautet der Titel eines Impulspapiers der Evangelischen Landeskirche in Württemberg . Die Autoren werben darin für eine Wirtschaft der Genügsamkeit.
Oberkirchenrat, Professor Ulrich Heckel, Theologie-Dezernent der Landeskirche, erklärt die Werbung fürs Umdenken in einem Interview.

IMPULS DES UMWELTRATS DER EVANGELISCHEN LANDESKIRCHE IN WÜRTTEMBERG

Wir leben in einer Gesellschaft, die in sehr vielen Bereichen auf Wachstum hin orientiert ist. Wachstum wird dabei gegenwärtig vor allem als Ausdruck für eine vorwiegend quantitative Steigerung verstanden. Grundgedanken des Wachsens haben auch in der christlich-biblischen Tradition eine große Bedeutung: der christliche Glaube solle in uns Menschen und in der Welt wachsen. Darüber hinaus wurde der Gedanke des Wachstums in unserer Gesellschaft zunehmend auch auf den Bereich der Wirtschaft und der technischen Entwicklung übertragen. Viele denken, dass insbesondere Wirtschaftswachstum stetig weitergeht.

In der Analyse der Fakten sehen wir heute, dass der Gedanke des steten Wachstums im Bereich der Wirtschaft und der Umwelt an Grenzen stößt. „Immer mehr, immer besser, immer schneller“ kommt an einen Punkt, der unsere Umwelt ernsthaft bedroht. Unsere Lebensbedingungen könnten kippen und in eine Zerstörung unserer Lebensgrundlagen umschlagen.

Wir fragen uns, ob es nicht noch ein anderes christlich biblisches Bild für unsere Entwicklung gibt, das zukunftsfähiger ist.

Die Bibel kennt auch den Kreislauf von Werden und Vergehen. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“, lautet die Verheißung Gottes an die Menschen in 1. Mose 8, 22. Hier steht das Leben in einem Wechsel von Wachstum und Begrenzung. Auch der Mensch selbst steht in diesem Kreislauf von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, von Jugend und Alter, von Geburt und Tod. In unserer Zeit wird versucht, diesen Rhythmus außer Kraft zu setzen.

Der Umweltrat hält es für klug, Alternativen zu unserem Wachstumsdenken in den Blick zu nehmen. Es gibt ein Genug, an dessen Ende Wachstum stagniert und vielleicht sogar ein Weniger steht. Auf die biblischen „sieben fetten Jahre“ folgen „sieben magere Jahre“. Leben verläuft nach diesem Bild in Zyklen, die mit Begrenzung zu tun haben.

In diesem Sinne empfiehlt der Umweltrat, an einer Wirtschaftsentwicklung zu arbeiten, die stärker als bisher auf den Erhalt der Schöpfung und den nachhaltigen Schutz unseres Klimas achtet. Nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen wird eine Umorientierung in Richtung auf ein nachhaltiges, qualitatives Wachstum nötig sein. Ohne ein Umdenken, das auch wesentlich unseren Konsum in den entwickelten Ländern hinterfragt, werden die globalen Ressourcen erschöpft und die Umwelt in einer nicht wieder gut zu machenden Weise geschädigt sein. Schon allein um unsere sozialen Sicherungssysteme nicht zu gefährden, sollten dauerhaft tragfähige neue Zukunftsmodelle für Ökonomie und Ökologie entwickelt werden. Insbesondere sollte Wachstum in Zukunft stärker qualitativ-nachhaltig und nicht vorrangig quantitativ verstanden werden.

Folgende Impulse für ein neues Denken möchten wir geben:

  • mehr vernetzte Mobilität, weniger Individualverkehr
  • mehr qualitativ-nachhaltige, weniger quantitative Weiterentwicklung des Konsums
  • mehr gemeinschaftliche, weniger egoistische Lebensführung
  • mehr sinnhafte, weniger oberflächliche Lebensorientierung
  • mehr Ressourcenschonung, weniger Ressourcenverschwendung
  • mehr Kreislauf-, weniger Wegwerfwirtschaft
  • Entkoppelung von Wirtschaftsentwicklung und Ressourcenverbrauch

Wir sehen eindeutige Grenzen des Wachstums und die Notwendigkeit, den Wachstumsbegriff neu zu denken. Wir bitten Politik und Wissenschaft, die gesamte Gesellschaft und jeden Einzelnen, sich intensiv mit der Herausforderung zu beschäftigen, wie der Umbau von einer auf quantitatives Wachstum ausgerichteten zu einer qualitativ nachhaltigen Gesellschaft gelingen kann.

Weitere Informationen:

Die planetaren Belastbarkeitsgrenzen – und was sie für die Zukunft der Menschheit bedeuten:
https://www.youtube.com/watch?v=m1nBEOfNFIE&feature=youtu.be

Wenn die Weltbevölkerung wächst und gleichzeitig pro Kopf mehr konsumiert wird, steigt der weltweite Ressourcenverbrauch. Der Film zeigt die wichtigsten Zahlen zu ökologischen Problemen aus dem Angebot "Zahlen und Fakten: Globalisierung":
http://www.bpb.de/mediathek/281909/zahlen-und-fakten-globalisierung-oekologische-probleme