Wachstum neu denken

OKR Prof. Dr. Ulrich Heckel (li) bei der Vorstellung des Impulspapiers „Wachstum neu denken“

Warum die Kirche Geiz gar nicht geil findet
Die Evangelische Landeskirche wirbt für Genügsamkeit
„Wachstum neu denken“: So lautet der Titel eines Impulspapiers der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Autoren werben darin für eine Wirtschaft der Genügsamkeit.
Oberkirchenrat, Professor Ulrich Heckel, Theologie-Dezernent der Landeskirche, erklärt die Werbung fürs Umdenken in einem Interview.

Einführung

Jahrhundertelang galt Wachstum als natürlicher Prozess. Man sah, was im Frühjahr heranwuchs, im Sommer reifte und im Herbst als Ernte eingebracht werden konnte.

Seit der Industrialisierung und vor allem im 19. Jahrhundert wurde Wachstum zunehmend im Sinne einer quantitativen Steigerung verstanden, die eng mit dem technischen Fortschritt verbunden war. Einen neuen Schub erhielt diese Auffassung einer quantitativen Steigerung in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg in der Zeit des sogenannten „Wirtschaftswunders“. Doch wurde der damit verbundene Verbrauch von Ressourcen zunehmend als problematisch erkannt.

In den zurückliegenden Jahren wurde darum der Ruf nach „qualitativem Wachstum“ lauter. Anstelle quantitativer Steigerung sollte verstärkt auf eine Verbesserung der Qualität gesetzt werden. Doch auch diese Forderung stieß auf Kritik, da die Verbesserung der technischen Standards bei Elektrogeräten und Automotoren zwar in der Tat zu einer deutlichen Effizienzsteigerung führte, aufs Ganze gesehen aber keine signifikanten Ressourceneinsparungen erbrachte, sondern neue Entwicklungsschübe auslöste. So entstanden z.B. viele neue Haushaltsgeräte, und der Energieverbrauch stieg weiter.

Doch der Klimawandel zeigt uns, dass wir an Grenzen kommen und es so nicht weitergehen kann. Die Natur oder theologisch formuliert die Schöpfung verkraftet auch das Modell des „qualitativen Wachstums“ nicht.

Daher stellt der Umweltrat die alte Frage nach der Lebensqualität ganz neu. Er fragt nach einer Veränderung der Lebenshaltung: Was macht wirklich Lebensqualität aus? Was bringt eigentlich Lebensglück, Erfüllung und Zufriedenheit? Dabei ist auch die Qualität von Beziehungen neu in den Vordergrund zu rücken. Dies lässt sich anhand der biblischen Überlieferung und ihrer Auslegungsgeschichte konkretisieren:
„So viel du brauchst…“ lautete das Motto des Hamburger Kirchentags 2013 aus der Manna-Erzählung im Buch Exodus (2. Mose 16,18). Die Israeliten sollten auf ihrer Wanderung durch die Wüste Manna, d.h. Brot vom Himmel, sammeln, und zwar angesichts des bevorstehenden Sabbats eine doppelte Ration, aber nicht mehr. Die Gabe Gottes soll weder gierig gerafft noch gehortet werden, sonst wird sie „voller Würmer und stinkend“ (16,20).

In dieser „Erzählung vom Genug“ (Franz Segbers) werden ökonomische Grundfragen angesprochen. Vordergründig geht es um die Frage, wie viel jeder zum Essen braucht, mit dem „Essbedarf“ (Martin Buber) zugleich aber auch um das Recht auf Nahrung oder ins Grundsätzliche gewendet um die Frage, was jeder Mensch zum Leben braucht. Die Geschichte zielt auf das, was jedem nach seinem Bedarf zukommt (Bedarfsprinzip). Angewandt auf den Zweck des Wirtschaftens betont diese Erzählung: Wirtschaften hat seinen Sinn nicht im Anhäufen von Gütern, sondern in der Befriedigung des täglichen Grundbedarfs zum Leben.

Dieser Sicht entspricht auch die Bitte Jesu im Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ „Was ist das?“, fragt Martin Luther im Kleinen Katechismus, um dann in seiner Auslegung alles einzuschließen, „was not tut für Leib und Leben“. Dazu rechnet Luther nicht nur das materielle Auskommen, sondern auch Ehe und Familie, gute Freunde und getreue Nachbarn, außerdem eine gute Regierung, Frieden und gutes Wetter, d.h. auf unsere heutigen Verhältnisse übertragen ein gutes Klima und die Bewahrung der Schöpfung. Vor allem aber lenkt er das Augenmerk auf eine Lebensqualität, die aus der Dankbarkeit für das tägliche Auskommen erwächst.

Im Kontrast zur Erzählung des Genug in der Mannageschichte steht die – weniger bekannte – Erzählung von der Gier im Buch Numeri (4. Mose 11, 4ff): „Wenn uns doch jemand Fleisch zu essen gäbe…“ wird zum Motiv, dass das „Genug“ nicht reicht. Die Folge ist: Die Israeliten sollen Fleisch zu essen haben, „bis ihr’s nicht mehr riechen könnt und es euch zum Ekel wird“ (11,20). Etliche sterben an der Gier (11,34), weshalb die Stätte „Giergräber“ bzw. „Lustgräber“ heißt, wie Luther übersetzte (11,35).

Von der Gier handelt auch das Neue Testament. Paulus zitiert in Röm 7,7ff das 9. und 10. Gebot: „Du sollst nicht begehren“. Aber indem er „deines Nächsten Haus, … Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat“ als Objekt des Begehrens weglässt, verallgemeinert er das konkrete Verlangen zur menschlichen Grundhaltung der Begierde als Inbegriff der Sünde. Diese besteht in der Gier des Menschen, die weit über das sexuelle Verlangen hinaus jede Form des Mehr-haben-Wollens einschließt, jede Art von materieller und geistiger Begierde, Habgier, Gewinnsucht, Ehrgeiz, Ruhmsucht usw. Es ist ein Leben nach dem Motto: Geiz ist geil.

Das positive Gegenstück ist eine andere Lebenshaltung, eine veränderte Lebenseinstellung, die ein Mehr an Lebensqualität mit sich bringt: Ein Leben aus dem Empfangen und der Dankbarkeit.

Die Manna-Geschichte erinnert an Gottes Fürsorge. Sie soll zur Erkenntnis führen, dass man erhält, was man braucht, zur Einsicht, genug zu haben für den nächsten Tag, zum Bewusstsein, dass es zum Leben reicht.

Daraus erwächst eine Haltung der Dankbarkeit, wie sie Luther in seiner Auslegung der Brotbitte anspricht: „Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er’s uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot.“ Damit deutet Luther die Brotbitte als Bitte um Einsicht in die elementare Erfahrung, dass wir von der Güte anderer leben, mit vielfältigen Gaben des Schöpfers gesegnet sind und auf die Barmherzigkeit unserer Mitmenschen angewiesen bleiben. Das Bewusstsein des Empfangens zu stärken und diesen Reichtum wahrzunehmen, macht dankbar für das tägliche Auskommen.

Geiz mag geil sein, aber Gier macht nicht glücklich. Wer immer mehr haben will, kann äußerlich gewinnen, bleibt aber getrieben von der Sorge zu kurz zu kommen. Gier ist nicht zu befriedigen, sie bleibt unersättlich.

Wer sich hingegen bewusst macht, wie sehr er aus dem Empfangen lebt, wird dankbar für das, was er zum Leben hat. Wer genug hat, hat mehr vom Leben. Die Einstellung, dass es zum Leben reicht, macht innerlich reich und äußerlich glücklich, schafft Befriedigung und Erfüllung. Das ist echte Lebensqualität, bringt mehr Glück, eine größere Zufriedenheit, ein tieferes Erfülltsein. Und es hat Folgen: Wer dem Schöpfer dankbar ist, weiß um seine eigene Verantwortung, wird sensibler für die Schöpfung und geht auch sorgsamer mit den Ressourcen um.

Um diesen Haltungswechsel von der Gier zum Genughaben geht es im Papier „Wachstum neu denken“. Es will an die Begrenztheit des Wachstums erinnern im Wechsel von Werden und Vergehen, wie es Gott in 1Mose 8,22 versprochen hat: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Es ist die Lebenserfahrung jüdischer Weisheit, dass ein jegliches seine Zeit hat, geboren werden und sterben, pflanzen und ausreißen (Prediger 3).

Dieser Rhythmus von Aufblühen und Verwelken, Absterben und Neuentstehen wird auch von Vertretern der Wirtschaftswissenschaften gesehen. So spricht Joseph A. Schumpeter, einer der herausragenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts, in seinem Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1942) von einer evolutionären Entwicklung und einem Prozess qualitativer Veränderung mit vielfältigen Revolutionen: „Dieser Prozess der ‚schöpferischen Zerstörung‘ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum.“ Dass Postkutschen durch Eisenbahnen und Flugzeuge verdrängt wurden, ist ein ganz natürlicher ökonomischer Prozess. Die Schreibwerkstätten mittelalterlicher Klöster wurden durch den Buchdruck ersetzt. Heute sind die Berufe des Schriftsetzers oder einer technischen Zeichnerin durch die Digitalisierung überflüssig geworden, zugleich ist ein neuer Bedarf an Computertechnik mit entsprechenden Dienstleistungen entstanden. Ähnlich verhält es sich bei der Energiewende oder in der Autoindustrie beim Wandel vom Verbrennungsmotor zum Elektro-Antrieb.

Das Papier des Umweltrates gibt im Schlussteil konkrete Impulse. Diese wollen nicht als allzu simple Gegenüberstellungen im Sinne einer „Schwarz-weiß-Malerei“ verstanden werden. Vielmehr thematisieren sie Möglichkeiten, wie sich ein Wandel in der beschriebenen Grundhaltung ausdrücken kann. Dazu möchte der Umweltrat mit seinem Impulspapier anregen.

Prof. Dr. Ulrich Heckel
Oberkirchenrat, Vorsitzender des Umweltrats

Vorwort als Download

IMPULS DES UMWELTRATS DER EVANGELISCHEN LANDESKIRCHE IN WÜRTTEMBERG

Wir leben in einer Gesellschaft, die in sehr vielen Bereichen auf Wachstum hin orientiert ist. Wachstum wird dabei gegenwärtig vor allem als Ausdruck für eine vorwiegend quantitative Steigerung verstanden. Grundgedanken des Wachsens haben auch in der christlich-biblischen Tradition eine große Bedeutung: der christliche Glaube solle in uns Menschen und in der Welt wachsen. Darüber hinaus wurde der Gedanke des Wachstums in unserer Gesellschaft zunehmend auch auf den Bereich der Wirtschaft und der technischen Entwicklung übertragen. Viele denken, dass insbesondere Wirtschaftswachstum stetig weitergeht.

In der Analyse der Fakten sehen wir heute, dass der Gedanke des steten Wachstums im Bereich der Wirtschaft und der Umwelt an Grenzen stößt. „Immer mehr, immer besser, immer schneller“ kommt an einen Punkt, der unsere Umwelt ernsthaft bedroht. Unsere Lebensbedingungen könnten kippen und in eine Zerstörung unserer Lebensgrundlagen umschlagen.

Wir fragen uns, ob es nicht noch ein anderes christlich biblisches Bild für unsere Entwicklung gibt, das zukunftsfähiger ist.

Die Bibel kennt auch den Kreislauf von Werden und Vergehen. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“, lautet die Verheißung Gottes an die Menschen in 1. Mose 8, 22. Hier steht das Leben in einem Wechsel von Wachstum und Begrenzung. Auch der Mensch selbst steht in diesem Kreislauf von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, von Jugend und Alter, von Geburt und Tod. In unserer Zeit wird versucht, diesen Rhythmus außer Kraft zu setzen.

Der Umweltrat hält es für klug, Alternativen zu unserem Wachstumsdenken in den Blick zu nehmen. Es gibt ein Genug, an dessen Ende Wachstum stagniert und vielleicht sogar ein Weniger steht. Auf die biblischen „sieben fetten Jahre“ folgen „sieben magere Jahre“. Leben verläuft nach diesem Bild in Zyklen, die mit Begrenzung zu tun haben.

In diesem Sinne empfiehlt der Umweltrat, an einer Wirtschaftsentwicklung zu arbeiten, die stärker als bisher auf den Erhalt der Schöpfung und den nachhaltigen Schutz unseres Klimas achtet. Nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen wird eine Umorientierung in Richtung auf ein nachhaltiges, qualitatives Wachstum nötig sein. Ohne ein Umdenken, das auch wesentlich unseren Konsum in den entwickelten Ländern hinterfragt, werden die globalen Ressourcen erschöpft und die Umwelt in einer nicht wieder gut zu machenden Weise geschädigt sein. Schon allein um unsere sozialen Sicherungssysteme nicht zu gefährden, sollten dauerhaft tragfähige neue Zukunftsmodelle für Ökonomie und Ökologie entwickelt werden. Insbesondere sollte Wachstum in Zukunft stärker qualitativ-nachhaltig und nicht vorrangig quantitativ verstanden werden.

Folgende Impulse für ein neues Denken möchten wir geben:

  • mehr vernetzte Mobilität, weniger Individualverkehr
  • mehr qualitativ-nachhaltige, weniger quantitative Weiterentwicklung des Konsums
  • mehr gemeinschaftliche, weniger egoistische Lebensführung
  • mehr sinnhafte, weniger oberflächliche Lebensorientierung
  • mehr Ressourcenschonung, weniger Ressourcenverschwendung
  • mehr Kreislauf-, weniger Wegwerfwirtschaft
  • Entkoppelung von Wirtschaftsentwicklung und Ressourcenverbrauch

Wir sehen eindeutige Grenzen des Wachstums und die Notwendigkeit, den Wachstumsbegriff neu zu denken. Wir bitten Politik und Wissenschaft, die gesamte Gesellschaft und jeden Einzelnen, sich intensiv mit der Herausforderung zu beschäftigen, wie der Umbau von einer auf quantitatives Wachstum ausgerichteten zu einer qualitativ nachhaltigen Gesellschaft gelingen kann.

Impulspapier als Download (PDF, 260 kB)

Zum Interview mit Prof. Dr. Ulrich Heckel, Oberkirchenrat, Vorsitzender des Umweltrats

Weitere Informationen:

Die planetaren Belastbarkeitsgrenzen – und was sie für die Zukunft der Menschheit bedeuten:
https://www.youtube.com/watch?v=m1nBEOfNFIE&feature=youtu.be

Wenn die Weltbevölkerung wächst und gleichzeitig pro Kopf mehr konsumiert wird, steigt der weltweite Ressourcenverbrauch. Der Film zeigt die wichtigsten Zahlen zu ökologischen Problemen aus dem Angebot "Zahlen und Fakten: Globalisierung":
http://www.bpb.de/mediathek/281909/zahlen-und-fakten-globalisierung-oekologische-probleme

Das Konzept planetarischer Leitplanken